Radio Reese

Junge Menschen sind als Jugendreporter*innen in den Stadtteilen Kriegshaber, Oberhausen und Pfersee unterwegs. Ein Podcast als Radio des Stadtteils entsteht. Mit dem Projekt knüpfen sie Kontakte zwischen Menschen aus unterschiedlichen sozialen, kulturellen oder religiösen Milieus und bauen Brücken zwischen ihren Lebenswelten und der Nachbarschaft. In der ersten Projektphase bis März 2018 besuchen sie Künstler*innen in ihren Ateliers und Probenräumen im Kulturpark West, führen Interviews und fotografieren. Audiobeiträge, Fotoserien und Artikel werden unter www.radio-reese.de veröffentlicht. Auch eine Fotoausstellung im Kulturhaus Abraxas ist im Frühjahr 2018 geplant.

Der Projekttitel »Radio Reese« leitet sich von der Bezeichnung »Reese-Areal« im Stadtteil Kriegshaber ab, einer Konversionsfläche, die früher vom US-Militär genutzt wurde. Die Streitkräfte wurden 1994 abgezogen. Seither wächst ein neues Viertel heran. Radio Reese verstärkt das gegenseitige Verständnis, den gesellschaftlichen Zusammenhalt und das friedliche Zusammenleben in der Nachbarschaft.

Das Projekt wird gefördert von der Robert Bosch Stiftung, dem Amt für Soziales, dem Büro für Migration, Interkultur und Vielfalt der Stadt Augsburg und unterstützt von dem Programm »Flüchtlinge werden Freunde« und Sponsor*innen.
Kooperationspartner sind: Stadtjugendring, Kulturpark West, Augsburger Flüchtlingsrat, Medienstelle Augsburg, a3kultur, Kulturhaus Abraxas.
Für das Projektmanagement ist die »Werkstatt für urbane Intervention« zuständig.

 

Stammtisch gegen Populismus

Als Teil unserer Veranstaltungsreihe »Rein in die Debatte« haben wir einen Stammtisch zur Auseinandersetzung mit dem Populismusbegriff initiiert. Unser Gast war Prof. Martin Haase, Sprachwissenschaftler aus Bamberg.

Das Erfolgsrezept von Populist*innen ist auf eine einfache Formel zu bringen: Einfache Antworten auf schwierige Fragen. Dabei ist aber umstritten, ob Populismus per se schlecht sein muss.

Populismus beruft sich auf den »Common sense«. Es wird angenommen, dass der gesunde Menschenverstand dem Reflexionswissen von Intellektuellen überlegen ist. Man glaubt an den unverfälschten Zugang zu Recht und Wahrheit. Dazu gehört die Moralisierung der Politik. Unabhängig von ihrer politischen Ausrichtung gelten die Eliten als korrupt, doppelzüngig, eigennützig, abgehoben und arrogant.

Laut Duden ist Populismus eine von Opportunismus geprägte, volksnahe, oft demagogische Politik, die das Ziel hat, durch Dramatisierung der politischen Lage die Gunst der Massen zu gewinnen. Linker Populismus strebt durch Partizipation und Ressourcenumverteilung die Inklusion unterprivilegierter Bevölkerungsschichten an. Rechter Populismus betreibt umgekehrt die Exklusion von Menschen und reserviert politische und soziale Teilhaberechte nur für die eigene Bevölkerung.

Wie politische „Gewissheiten“ sprachlich konstruiert werden

Bei einem Workshop mit Prof. Martin Haase, Sprachwissenschaftler aus Bamberg, haben wir uns in der Reihe »Rein in die Debatte« mit den sprachlichen Besonderheiten des Populismus auseinander gesetzt. Zusammen mit Kai Biermann analysiert Martin Haase auf seinem Blog neusprech.org die Sprache von Politiker*innen, hinterfragt die verwendeten Begriffe, beleuchtet sprachliche Hintergründe oder Wortverdrehungen und entlarvt ideologische Implikationen und Manipulationen.

Beispiel »Flüchtlingsstrom«

»Warum redet niemand von einem Flüchtlingsrinnsal? Oder von einem Flüchtlingsbach? Nicht einmal der Flüchtlingsfluss wir oft erwähnt. Es ist mindestens die Flüchtlingswelle, meist aber gleich der F., wenn ein sprachliches Bild für diejenigen Menschen gesucht ist, die derzeit nach Europa kommen. Ein Strom ist groß und breit, größer, breiter und schneller als ein Fluss. Er hat Kraft, ja Gewalt und geht nicht wieder weg. Er fließt ohne Unterlass, es sei denn, er wird mit viel Beton gestaut. Vor einem Strom kann man sich getrost ein wenig fürchten. Und darum geht es: Worte spiegeln Meinungen wider. In diesem Fall die Angst vor den fremden Menschen, die da kommen. Will der Bundesinnenminister also wirklich beruhigen, wenn er gar von F.-en spricht und den Strom damit noch verstärkt? Worte prägen aber auch Meinungen und jeder, der über Flüchtlinge spricht, sollte sich dessen bewusst sein. Eine Flut ist überschwemmend und zerstörend, ein Tsunami ist gar tödlich und alles vernichtend. Wer so etwas im Zusammenhang mit Flüchtlingen sagt, will die Angst vor ihnen schüren, will Rassismus und Fremdenfeindlichkeit verstärken – oder nimmt sie zumindest billigend in Kauf.«

Beispiel »Obergrenze«

»Wenn etwas eingeschränkt werden soll, müssen Grenzen definiert werden – eine nach unten, die die Mindestmenge festlegt, die zugelassen ist, und eine O., die die gewünschte Höchstmenge beschreibt. Es gibt keine Mindestzahl von Zuwanderern, die sich Deutschland wünscht, also keine Untergrenze. Trotzdem spricht insbesondere die CSU ständig von einer O. Das Kompositionselement Ober- ist jedoch überflüssig (pleonastisch), weil eine Untergrenze gar nicht zur Debatte steht. Allerdings klingt O. weniger schlimm als einfach nur Grenze oder Begrenzung. Es klingt, als wäre eine gewisse Menge an Flüchtlingen völlig in Ordnung, als gäbe es ausgefeilte Pläne und Überlegungen, wie viele von ihnen für Deutschland gut, ja optimal wären.

Das ist natürlich Unsinn. Es lässt sich gar nicht planen, wie vielen Menschen die Flucht bis nach Deutschland gelingt. Und Hilfesuchende können aufgrund des Asylgrundsatzes im Grundgesetz auch nur schwer abgewiesen werden. Ganz abgesehen davon, dass sich das schon aus ethischen Erwägungen verbietet. Die CSU greift deshalb zu einem Trick: Sie spricht von O., und alle Stammtische verstehen darunter, dass die Zahl der Flüchtlinge begrenzt wird. Die CSU meint aber die O. von Zuwanderung, und das ist natürlich etwas ganz anderes als die Aufnahme von Geflüchteten. In Deutschland ist Zuwanderung sehr schwierig, weil Deutschland kein Einwanderungsgesetz hat. Zuwanderung ist nur in Ausnahmen überhaupt möglich, am ehesten funktioniert sie noch, wenn man einen Deutschen oder eine Deutsche heiratet. Um so leichter kann die CSU von einer O. für Zuwanderer schwadronieren und dabei hoffen, dass viele darunter etwas anderes verstehen. So lässt sich eben auch erklären, warum die Forderung nach einer O. für manche nicht im Konflikt zum Grundgesetz steht.«

Was kann man tun?

Genau hinhören, genau lesen, genau analysieren, Begriffe hinterfragen.

Aus dem Workshop steht uns eine Textsammlung zum Weiterarbeiten zur Verfügung. Download: Haase-Sprache-des-Populismus-Beispieltexte_Augsburg-2017

Smartphone-Demokratie

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Wir gehen davon aus, dass einen offene Gesellschaft ihre Konflíkte auf der symbolischen Ebene lösen soll. Ideen sollen sich gegenseitig bekämpfen, aber die Träger*innen der Idee, also die Menschen dahinter, müssen unverehrt bleiben. Bei einem Workshop der Veranstaltungsreihe Rein in die Debatte« haben wir uns mit dem Phänomen Hasskommentare und Fakenews auseinander gesetzt und dabei mit der Videoaufzeichnung eines Vortrages von Linus Neumann, Sprecher des Chaos-Computerclub, gearbeitet.

Sie ändern ihre Meinung nicht. (1. Teil Video Linus Neumann bis 22:15)

Als Troll wird bezeichnet, wer Beiträge verschickt, mit denen erkennbar nur provoziert werden soll, ohne einen wirklichen Beitrag zur Diskussion zu leisten. Trolle wollen Diskussionen um ihrer selbst willen auslösen oder betreiben und sind oft nicht wirklich am Thema interessiert. Sie freuen sich über wütende Antworten, diskreditieren Meinungen und sabotieren Diskussionen, indem sie eine unangenehme Atmosphäre schaffen wird. Andere Trolle sehen sich selbst Warnende, die auf gesellschaftliche Missstände hinweisen und sich gegen eine vermeintliche Mehrheitsmeinung stellen. Sie werden zu „Hatern“, die ohne Rücksicht auf Moral verbal um sich schlagen und dabei Minderheiten attakieren. Mit jedem Like wächst die individuelle Bestätigung und Befriedigung für den Troll.

Wirksame Kontrolle (2. Teil Video Linus Neumann – ab 22:15 bis 30:00)

Methoden des Hellbanning und Shadowbanning werden erklärt. MarkTroll ist zum Beispiel ein einfaches WordPress-Plugin, um unerwünschte Kommentare zu verbannen. Trolldrossel können auch durch geschickte Captchas erreicht werden.

Fazit: Trolle und Hater müssen mit ihren eigenen Waffen geschlagen werden. Hierzu kann man sich anonyme Accounts zulegen. Wichtig ist, nicht kampflos das Feld zu räumen. Dabei ist es wichtig, die normalen Kommentator*innen zur Widerrede zu ermuntern und ihre Beiträge zu honorieren. Linus Neumann meint,
Aufmerksamkeit für Idioten ist gut! Man muss dem Troll genug Seil geben, damit er sich selbst daran erhängt!