Reparaturinitiativen in Deutschland

VOLLDABEI ist Teil des Netzwerkes der Reparaturinitiativen (Reparatur-Treffs, Reparier-Bars, Repair Cafés etc.). Hier geht es wie bei uns um gemeinschaftlich organisierte Hilfe zur Selbsthilfe. Getragen werden die Veranstaltungen von ehrenamtlich engagierten HelferInnen und Reparierenden, die ihr Wissen und Können freiwillig und unentgeltlich zur Verfügung stellen. Weil sie Interesse an Technik, Selbermachen und Werken haben – und das in der Gemeinschaft. Ganz aktuell ist eine Veröffentlichung mit einem Beitrag über uns erschienen:

»Wir befassen uns schon seit den 1980er Jahren mit der Flüchtlingsdebatte und sind seit 25 Jahren inhaltlich dabei«, erzählt Holger Thoma, der zusammen mit seiner Frau Susanne die Fahrradwerkstatt »Volldabei« ins Leben gerufen hat. Hier können Flüchtlinge gemeinsam mit Reparateuren ihre eigenen Räder reparieren oder mithelfen, sogenannte »rote Leihräder« herzustellen. Diese Fahrräder können von den Flüchtlingen zunächst für vier Wochen kostenlos genutzt werden. »Das verschafft den nötigen Spielraum, um einen Reparaturplan für ein kaputtes Fahrrad zu entwerfen oder aber die Zeit, Geld für den Kauf eines eigenen Rades anzusparen«, erklärt Thoma das Konzept. »Es gab schon einmal ein ähnliches Projekt von einer anderen Initiative. Deren Fokus war es, Flüchtlinge mit geschenkten Fahrrädern auszustatten. Dabei geriet das Miteinander leider in den Hintergrund beim Gerangel um die Räder.« Wenn alles einfach vorhanden ist, wächst die Anspruchshaltung. Aus dieser Erfahrung wollten Holger und Susanne Thoma ein langfristiges Projekt starten, das Stadtgesellschaft, Nachbarschaft und Flüchtlinge zusammenbringt, mit dem Ziel, die Willkommenskultur in Augsburg und Schwaben zu bereichern. Wenn Thoma Flüchtlinge trifft, hört er oft: »Ich brauche ein Fahrrad.« »Mein Rad ist kaputt.« So entstand die Idee, eine mobile Fahrradwerkstatt gemeinsam mit den Flüchtlingen aufzubauen. »Oft werden Geflüchtete als bedürftig abgestempelt, dabei unterschätzen wir die Kraft und die Ideen, die sie mitbringen. Viele Flüchtlinge stammen aus subsistenzorientierten Gesellschaften und haben eine Menge Fähigkeiten und Know-how, gerade was den Umgang mit alten Fahrrädern betrifft.« Die Fahrradwerkstatt funktioniert ohne feste Termine, je nach Bedarf und auf freiwilliger Basis. »Wir müssen flexibel bleiben, Nischen finden. Wenn wir zu starr wären, ginge das Projekt schnell kaputt. Wir fragen uns, was wir leisten können und werden mal kleiner, mal größer, je nachdem.«

Im Moment gibt es etwa dreißig funktions tüchtige Übungs- und Leihräder, die zusammen mit den Werkzeugen größtenteils in einer Asylunterkunft lagern. Das gesamte Werkstattzubehör kann mit Fahrrädern und Anhängern transportiert werden. »So können wir an geeigneten Orten, wie zum Beispiel in Asylunterkünften oder bei Stadtteilaktivitäten eine temporäre Werkstatt errichten.« Anwohner fragen da schon mal nach, ob das Ganze eine Kunstaktion sei. Aus solchen Gesprächen ergeben sich neue Kontakte – und immer wieder auch Spendengelder. Neben Fahrradwerkstatt und Leihrädern bietet Volldabei auch ein Frauen-Fahrradtraining an. Die reparierten Übungsfahrräder werden dafür zu einer Asylunterkunft gebracht, bei der das Training stattfindet. Trainerinnen sind engagierte Frauen, darunter häufig Migrantinnen. Für Kinderbetreuung ist gesorgt, Männer haben dort nichts zu suchen und dürfen auch nicht zusehen. Ein Raum also nur für Frauen.

Die neueste Idee ist, hochwertige Ausflugsräder, die bequem und gut zu fahren sind, zur Verfügung zu stellen. »Viele Flüchtlinge haben einen sehr beschränkten Bewegungsradius und einige fühlen sich noch unsicher in der neuen Umgebung. Da ist es doch toll, zusammen schöne Ziele in der Nähe aufzusuchen und z.B. am Fluss entlang zu radeln.« Das Fahrrad und das Reparieren sind dabei vor allem Anknüpfungspunkte. »Später trifft man sich in der Stadt, man grüßt sich und es wird spürbar, dass die gemeinsame Zeit wichtig war. Durch gemeinsame Projekte entstehen Freundschaften und herzliche Kontakte«, erzählt Thoma. Volldabei möchte andere dazu an regen, die Projekte zu übernehmen und weiterzutreiben. Auf die Frage nach seiner Motivation überlegt Thoma. Und antwortet dann: »Mein wesentlicher Antrieb ist es, viele Leute zusammenzubringen, damit Stimmungen nicht kippen.« Die roten Fahrräder in Augsburg sind ein leuchtendes Zeichen dafür.

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