Zuspruch statt Feindseligkeit

Kommentar von Alfred Schmidt, Leiter der Lokalredaktion, in der Augsburger Allgemeinen vom 09.10.2015. Foto: Silvio Wyszengrad |

Der Gebäudetrakt der früheren Hindenburgkaserne gilt seit Jahren als Bayerns mieseste Sammelunterkunft für Flüchtlinge. In der Bruchbude fristen 120 männliche Asylbewerber ein Dasein, das man niemandem wünschen würde. In dieser heruntergekommenen Behausung müssen die Bewohner geradezu depressiv werden – oder aggressiv. So gesehen geht von der Flüchtlingsunterkunft für die Nachbarschaft trotz aller Vorfälle eigentlich erstaunlich wenig Ärger aus. Denn die unzumutbaren Verhältnisse in dem Haus, die der Augsburger Stadtrat als „menschenunwürdig“ eingestuft hat, bergen viel sozialen Sprengstoff.

Das die Regierung von Schwaben ihr Versprechen wahr macht und das Gebäude in der Calmbergstraße schließt, glauben im Viertel immer weniger Leute. Die Behörde hat diesen längst überfälligen Schritt schon vor Beginn des aktuellen Flüchtlingsstroms nicht zustande gebracht. In dieser Ausgangslage gibt es in der Nachbarschaft nun eine so beeindruckende wie schöne Geste. Anwohner kommen mit Farbeimer und Pinsel zu den Männern ins Flüchtlingsheim, um der Tristesse dort wenigstens etwas entgegenzusetzen. Sie geben den Bewohnern das Gefühl, sich nicht selbst überlassen zu sein.

An deren Schicksalen wird dies grundsätzlich nicht viel ändern. Doch die ungewöhnliche Nachbarschaftshilfe in der Calmbergstraße setzt ein Zeichen der Mitmenschlichkeit im Alltag eines traurigen Ortes, wo die Hoffnung vielfach der Resignation gewichen ist. Die entwurzelten Männer erfahren aus der Nachbarschaft Zuspruch und nicht Feindseligkeit.

 

 

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